 THEATERSAAL


Di, 22.11.2011, 19.30 Uhr [S, TG 5, TG 6, WA] Preise: 33 Euro, 28 Euro, 23 Euro, 18 Euro
In seiner Inszenierung von Wolfgang Borcherts Stück „Draußen vor der Tür“ in einer Aufführung des Thalia Theaters Hamburg stellt Luk Perceval einen Zusammenhang her zwischen dem Schicksal des Kriegsheimkehrers Beckmann nach Hamburg und den aus Afghanistan zurückkehrenden Bundeswehrsoldaten. Die Erfahrungen, die diese Menschen aus dem Krieg mitbringen, können sich die Zuhausegebliebenen nicht auch nur ansatzweise vorstellen, denn sie sind auf ganz extreme Weise anders. In welchem Ausmaß die Kriegsheimkehrer seelische Zerstörungen aufweisen, stellt Felix Knopp in der Rolle des Beckmann in seiner ganzen Fülle dar. Mit welcher Wucht die Hauptfigur seinen Traumata ausgeliefert ist, wird durch die Musik der Band „The Darkest Star“ hervorgehoben, die wie ein Schlag in die Magengrube wirkt. Ohnmächtig erlebt Beckmann, wie sich immer wieder innere Bilder Bahn brechen, die er viel lieber für immer aus seiner Erinnerung gelöscht hätte. Die Verzweiflung und Zerrissenheit, das Überwältigtwerden von Alpträumen schreit Felix Knopp in ein Mikrofon, um einer Stimme Gehör zu verschaffen, die sich ein Rufer im Abgrund abringt. Ein Chor, bestehend aus acht professionell agierenden Laien des Thalia-Behinderten-Theaterprojekts „Eisenhans“, repräsentiert die Toten und Verwundeten, für die Beckmann die Verantwortung trägt: „Die Toten wachsen uns über den Kopf. Gestern zehn Millionen. Heute sind es schon dreißig. Morgen kommt einer und sprengt einen ganzen Erdteil in die Luft. Nächste Woche erfindet einer den Mord aller in sieben Sekunden mit zehn Gramm Gift. Sollen wir trauern!? Prost, ich habe das Gefühl, dass wir uns beizeiten nach einem anderen Planeten umsehen müssen. Prost!“ Diese Sätze stammen aus dem Jahre 1947 – es ist erschreckend, wie aktuell sie erscheinen. Bilder der in sich zusammenstürzenden Zwillingstürme in New York, des überfluteten New Orleans, der Reaktorblöcke des Kernkraftwerks in Fukushima drängen sich auf.
Über der Bühne fängt ein überdimensional großer Spiegel das Geschehen ein und gewährt dem Zuschauer eine extreme Perspektive auf das abgründige, gespenstische Szenario Beckmanns, der seine Seele in Luk Percevals elektrisierender Inszenierung nach außen kehrt. In Percevals „Traumtheater mit Drehbühne“ gerät Beckmanns Schrei nach Mitgefühl zum „Albtraumtheater mit Durchdrehbühne“ Die Welt
Perceval hat sich selbst dabei übertroffen, Borcherts expressionistisches Stück zu entschlacken und atmosphärisch zu verdichten: „Denn diesmal singt der Text selber, brüllt, flüstert, hängt auf einer Tonhöhe, zerhackt die Worte und umschmeichelt sie, er verschmilzt mit E-Gitarre, Schlagzeug und Bass, und es klingt wie eine Partitur, ein auskomponierter Protestschrei. (…) Musik ist hier jedoch nicht mehr Kommentar oder Untermalung wie früher bei Perceval, sondern die Sprache selbst.“ Frankfurter Rundschau
Von Wolfgang Borchert Inszenierung: Luk Perceval, Bühne: Katrin BrackKostüme: Anja Sohre Musik: My Darkest StarMusikregie: Paul Lemp / Stefan Wulff mit: Felix Knopp, Peter Maertens, Barbara Nüssesowie Darstellern aus den Eisenhans-TheaterprojektenNora Fiedler, Josefine Großkinsky, Nikolas Gerlach, Mila-Zoe Meier, Joana Orth, Paul Kai Schröder, Daniel Tietjen, Swatina Wutha Thalia Theater Hamburg
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 Foto: Armin Smailovic |

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