 Zwischen Himmel und Erde

Pina Bauschs Wuppertaler Companie bringt mit „Ten Chi“ eine Hommage an Japan und eine Ode an die Weiblichkeit auf die Bühne des Pfalzbaus Von Japan ist Pina Bauschs Tanzstück „Ten Chi“ inspiriert, das heute noch einmal im Ludwigshafener Pfalzbau zu sehen ist. Und doch geht es wie so oft im Werk der Wuppertaler Choreografin um die universelle Frage: Wie kommen Mann und Frau zueinander. Ein Stück, so leicht und beschwingt wie die Kirschblüten, die heruntertaumeln. Kurz: Tanztheater, das glücklich macht.
Irgendwann steht eine Schaufensterpuppe auf der Bühne. Nein, es ist Dominique Mercy, der aus einem Kimono geschält wird. Doch unter dem roten Mantel taucht ein weißer auf, ein blauer, ein rotes Tuch, nackte Haut. Bis er in westliche Kleidung gehüllt wir und zum Leben erwacht. Eine Marionette, die in einem anrührenden Tanz ihre Gliedmaßen abtastet, mit großen Schritten den Raum abmisst und ihre rudernden Arme gen Himmel streckt. Diese Szene hätte dem Philosophen Roland Barthes gefallen: Japan als Kultur der Vielschichtigkeit mit vielen Hüllen, mit Bändern und Falten kann ein japanisches Geschenk sein. Das Entblättern selbst wird zum Erlebnis. Japan wird bei Barthes zu einem Land, in dem die Form wichtiger ist, als der Sinn. Ein „Reich des Un-Sinns“.
Das Wuppertaler Ensemble scheint das wörtlich zu nehmen. Es zelibriert die Ästhetik, schwelgt in energiegeladenen Soli, tanzt eine Kalligraphie des Körpers in die Kirchblütenblätter und die Tänzer treiben ihren Unsinn in amüsanten Kabarett-Einlagen. Mit scheppernden Schritten schiebt sich die Roboterfrau Aida Vainieri in roten Pumps voran, verprügelt ein Kissen, rückt es auf einem Stuhl mit dem Hintern zurecht, bevor sie sich ihrem Tischherren zuwendet, ihn kurzerhand auf der Decke zu sich herüberzieht und einverleibt: eine hochmoderne Frau oder eine Interpretation des Godzilla-Monsters? Mechthild Grossmann arbeitet sich indessen in Sprechübungen lustvoll an den geläufigsten Japanisch-Vokabeln ab: „Sa-se-si-so-su-Samurai.“ So unbekümmert, aber immer liebevoll geht die Truppe mit den Klischees um.
Am schönsten gelingt der Dialog der Kulturen Ditta Miranda Jasjfi und Helena Pikon. Sie lassen in ihren Soli den bodenbeständigen Tanz der Geishas aufscheinen: Trippelschritte, ein Fuß geflext, mit den Händen einen Kranich oder eine aufgehende Sonne zeichnend. Dann plötzlich befreie sie sich mit einem Sprung. Es ist eben ein Tanz zwischen Himmel und Erde ("Ten Chi").
So wird das Stück zu einer Hommage an ein Land, das Pina Bauschs Ensemble oft bereist hat. Seit den 80er Jahren ließen sich die die Tänzer auf ihren Tourneen rund um den Globus inspirieren. Jedes Frühjahr präsentierten sie eine Premiere, meist ein Reisemitbringsel. Besonders häufig gastierten sie in Japan, bildeten dort auch junge Tänzer fort und nahmen einige in ihre Truppe auf. Japan dankte für den Kulturaustausch mit dem Kyoto-Preis und dem Orden der aufgehenden Sonne.
Noch viel mehr ist das Stück jedoch eine Ode an die Weiblichkeit. In glänzenden Abendkleidern erzählen die Frauen von ihrem Begehren und Zaudern, ihrer Zartheit und Verruchtheit. Mal wortlos: Wie Regina Advento und Thusnelda Mercy, die sich in ihren temperamentvollen Soli den Raum mit ausladenden Bewegungen und geschmeidigen Sprüngen erobern. Mal wortreich: wie Nazareth Panadero, die überlegt, ob sie sich im Kino vor oder hinter den einzigen Mann im Saal setzen soll, oder Mechthild Grossmann, die mit zittriger Stimme versucht, Männer ins Gespräch zu ziehen: „Astronomen haben einen neuen Stern entdeckt.“
Die Männer – in schwarzen Anzügen vor schwarzem Hintergrund wirken oft wie Staffage bei diesen Studien zum Paarungsverhalten. Dann wieder treiben sie mit ihren flinken Soli die Aufführung voran.
Mit diesem Wechselspiel der Tempi sowie der Klangcollage von meditativer Zither bis pulsierender Taiko Trommel verfliegen die knapp drei Stunden entspannt. Es ist ein Strom, der die Zuschauer überrollt, wie die gewaltige Welle, die den gigantischen Wal auf der Bühne überdeckt. Nur sein Schwanz schaut heraus und scheint beschützend seine Flosse über die Tänzer zu halten, die sonst irgendwie allein zwischen Himmel und Erde sind.
Antje Landmann, Die Rheinpfalz

 Liebe im Schneegestöber

Wie ein riesiges, schwarzes Meer, in dem ein riesiger Walfisch abtaucht, liegt die Bühne des Pfalzbaus vor uns. In federleichten, fließenden und sehr femininen Kleidern huschen die Tänzerinnen zwischen Schwanz- und Rückenflosse der Bühnenplastik umher. Im Gepäck haben sie nur noch wenig Material des klassischen Modern Dance. Aber dafür eine überbordende Fülle an zerschlissenen, gebrochenen Gesten und Bewegungen. Tänzer in Schwarz treten aus dem Nichts, umfassen ihre Kolleginnen, die jetzt wie Meerjungfrauen kopfüber durch die Wasserluft zappeln. Es sind keine Rheintöchter und es ist auch nicht Wagners Rheingold, was sich hier abspielt, sondern das Theater im Pfalzbau besinnt sich hier an drei ausverkauften Abenden wieder einmal auf seine traditionelle Kernkompetenz: hochwertiger Tanz, der mit dem Gastspiel des Tanztheater Wuppertal „Pina Bausch“ nicht hochrangiger hätte besetzt werden können.
Im Tanz hat die leider 2009 verstorbene Choreographielegende und Tanztheaterbegründerin Pina Bausch nichts Geringeres als die Befreiung von Körper und Geist entwickelt, gepflegt und hinterlassen. Auch ihre durch die Eindrücke einer Japan-Tournee inspirierte Arbeit „Ten Chi“ aus dem Jahre 2004 lebt über drei Stunden vom Tanz der Humanität, der Suche nach Liebe, und ihrer Erfindung einer neuen Sprache.
Freilich irritiert der Bewegungsapparat kleiner Gesten und Schritte, das Theater der minimalen Geschichten manchen Besucher, der mit Bauschs nahezu meditativen Entschleunigungsverfahren wenig vertraut ist. Aber das Gefühl, etwas sehr besonderem beizuwohnen dürfte jeder erahnt haben, zumal Bausch ihrem Ensemble eine breite Palette an Farben und Schattierungen an die Hand und den Fuß gab. Da sind schlichte Japan-Geschichten mit Fächer, Verbeugungen, Geisha-Gestus und Trippeln. Charmant dargebotene Klischees voller Ironie und Augenzwinkern. Wie erfährt man ein fremdes Land? Mit Beobachtung, über Sprachwahrnehmung, Essen, Atmosphäre, mit etwas Glück auch über sinnliche Liebe. Bewegte Anekdoten aus diesem Bewegungsfundus zeigt uns die Choreographin mit ihrem großartigen, über Jahrzehnte zusammengewachsenen und alle Altersstufen umfassenden Ensemble, das ihre Arbeiten weiter pflegt.
Sprache und Bewegung
Eine feste Sprachstütze ist dabei (übrigens bereits seit 1976) Schauspielerin Mechthild Grossmann, die vielen Zuschauern mittlerweile als Münsteraner Tatort-Staatsanwältin bekannt sein dürfte. Sie klagt gekonnt: „Kein Mensch versteht mich. Ich verstehe das nicht, verstehen Sie?“ Wie sie in großer Robe (wahrlich umwerfende Kostüme: Marion Citho) über die Bühne schreitet und sich lautmalerisch an Worten wie Sushi, Harakiri oder Fujiyama weidet, ist eine ebensolche Freude wie ihre literarischen Einlassungen mit Bert Brecht, Georg Büchner oder Ruth Berlau. Daneben überzeugen aber die clownesken Nummern, etwa von Nazareth Panadero oder Jorge Puerta Armenta, ebenso wie die zerbrechlichen Geschichten, etwa des Bausch-Urgesteins Dominique Mercy, der in fast zärtlichen Ensemblestücken ein intensives Solo des Kampfes gegen Altern und Kälte entgegensetzt. Wie selbstverständlich gelingt ihm das Kunststück Blütenblätter zum Schneetreiben umzudeuten – und tatsächlich sind beide Niederschläge in Japan von großer Bedeutung. Wen sollte es also auch wundern, dass gerade Pina Bausch mit den Symbolen von Schönheit, Aufbruch und Vergänglichkeit große Kunst gelungen ist.
Musikalisch kann sich daher der Abend mit Ausnahme eines Kodo-Trommelstückes frei und sehr westlich bewegen. Jazz, Minimalmusic und Kaffehaus-Tango geben den Takt vor, der die Herzen von Tanzfreunden einmal mehr höher schlagen lässt. Aus gutem Grund: Jeder Schritt, jede Armbewegung ist ein Gefühl. Das passt zu Pina Bausch, die sich weniger dafür interessierte, wie sich die Menschen bewegen, als viel mehr dafür, was sie bewegt.
Ralf Carl Langhals, Mannheimer Morgen

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