Sasha Waltz und ihre Tänzer haben diesen Mut, in der großen Leere zu schwelgen, einer Leere, die einzig eine hoch aufragende schwarze Wand als Raumteiler durchschneidet. In die Nacktheit des Raumes mischt sich die Nacktheit der Tänzer, ebenso nüchtern, ebenso rein. Nur mit hautfarbenen Slips bekleidet und kastenförmigen Imkernetzen über den Oberkörpern, bieten sie sich den Blicken des exquisiten Premierenpublikums dar. ... Sasha Waltz ist eigentlich eine Architektin. Sie kann sich verlassen auf ihr Gespür für effektvolle Formationen und Tänze mit Aplomb. Sie legt Menschenkörper aus zu Stand-Fotografien, ballt Menschengruppen zu Laokoon-Skulpturen, verdichtet Körper so nah, dass sie wie ein einziger erscheinen. Eva-Elisabeth Fischer, Süddeutsche Zeitung 24.01.2000

Gezogen, geliebt und getragen
(...) Was kann ein Mensch seinem Körper zumuten? Dieser Frage geht Sasha Waltz in den folgenden 90 Minuten nach. Die Berlinerin und ihre 13-köpfige Compagnie loten in der vor elf Jahren entstandenen Arbeit Bewegungsmöglichkeiten aus, die zunächst einmal nur bedingt etwas mit Tanz zu tun haben, umso mehr mit Akrobatik. Im Dreierverbund werden Körper getragen und fallengelassen, enden Gänge in Stürzen, Hebungen in nicht immer sanften Landungen. Werden die Leiber anfangs noch komplett untergefasst, ist später nur noch die Haut der Ansatzpunkt für den Transport. Das alles wird getrieben von einem Höchstmaß an Energie. Doch je mehr sich die zu Beginn noch bekleideten Tänzer entblößen, desto sanfter werden ihre Bewegungen, bis sie sich zu einem Geflecht verbinden. Beeindruckend ist das fast an mittelalterliche Höllengemälde erinnernde Bild, wenn neun nahezu nackte Körper im nun in einen Schrein verwandelten Fenster in vertikalen und horizontalen, gestreckten, mal zusammengekauerten Posen in Zeitlupe nach außen und innen, oben und unten schweben. (...) Das große Plus der Choreographie ist das Spiel mit Erwartungen, die sie schürt, dann wieder unterläuft, aber auch erfüllt – nur anders als gedacht. Das sorgt den Abend über für Spannung und Verblüffung. (...) Das anfangs noch gehemmte Publikum öffnete sich schnell und war am Ende hellauf begeistert.
Mannheimer Morgen
Die Inventur des menschlichen Körpers
(...) Wer allerdings einen Ballettabend erwartet hat mit genormten Tänzerinnen samt Dutt, die eine Illusion von Leichtigkeit und Beherrschbarkeit des Körpers auf die Bühne zaubern, muss enttäuscht sein. Die 13 Tänzer und Tänzerinnen demonstrieren in den losen Fragmenten das Gegenteil: Die Bewegungen haken, die Gliedmaßen versagen ihren Dienst. Mit einem gnadenlos nüchternen Blick wird hier eine Inventur des menschlichen Körpers vorgenommen. Die Leiber werden zerlegt, vermessen und verkauft, entblößt und bloßgestellt. „Das ist mein Körper. Ich konnte ihn mir nicht aussuchen“, präsentiert sich eine Frau. (...) Zugleich schafft es die Kompanie die Spannung zu halten,. Das ist der Präsenz der markanten Darsteller zu verdanken, die sich in ihrer Individualität mit Piercings, Tattoos und den Makeln eines nicht mehr jugendlichen Körpers den Blicken ausliefern. Aber auch den originellen Bildern, die dann besonders stark sind, wenn sie überraschend einfach sind: so entsteht aus zwei Menschen ein Fabeltier, das schief zusammengesetzt ist und trotzdem anmutig Teller verteilt, um sie später zu stapeln und wie eine Wirbelsäule knacken zu lassen. (...)
Die Rheinpfalz
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