Draußen vor der Tür


Beckmann rockt gegen den Krieg

Ein Comeback Beckmanns war eher nicht zu erwarten, auch wenn die Kriege seither nicht aufgehört und wir längst gelernt haben, was ein posttraumatisches Belastungsstörung ist. Aber Borcherts Stück, das den jungen, kurz vor der Uraufführung verstorbenen Autor schlagartig berühmt machte, ist doch zu existentialistisch-dunkel und symbolüberfrachtet für die heutige Zeit. Aber nun steht Beckmann plötzlich wieder auf der Bühne, so jung wie damals, ohne Brille und lädiertes Bein, dafür mit drei Begleitern. Aus Beckmann ist der Sänger einer Rockband geworden, seine Verzweiflung haucht, röchelt, brüllt er nun in ein Mikrophon, stakst mit den wilden Gebärden eines Frontmanns über die Bühne oder wälzt sich leidend am Boden. Dieser Beckmann kennt Stalingrad bestenfalls aus den Geschichtsbüchern, aber vielleicht war er ja in Bagdad oder Kabul. (...)
Felix Knopp spielt und singt diesen neuen Beckmann. Knopp ist Schauspieler am Thalia Theater Hamburg und Sänger der Rockband My Darkest Star, die vor allem Depeche-Mode-Cover im Programm hat. Der Regisseur Luk Perceval hatte die Band gehört und einen gemeinsamen Theaterabend angeregt. Ein Rockmusical sollte es aber nicht werden, auch kein simpler Liederabend. Nun hat man sich zusammen Borcherts ausgedienten Text vorgenommen, „geschrieben vom Sohn der Stadt Hamburg, in einer Sprache, die aus dem Bauch kommt“, wie es im Programmheft heißt.
Das klingt fast schon nach Indierock aus Deutschland, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Die Bühne von Katrin Brack ist ein großer leerer Albtraumraum, der durch einen in voller Breite und Höhe im 45-Grad-Winkel hineingeschobenen Spiegel jeden Halt und jede Zuordnung verweigert. (...) Beckmann (wird) verfolgt von sechs Darstellern mit Down-Syndrom vom Hamburger Eisenhans-Theaterprojekt. Neben Knopp ist Barbara Nüsse der Star des Abends (...)
Die Rheinpfalz


Schier unglaubliche Intensität

Beckmann heißt es. Ein Geschöpf Gottes, das drei Jahre nach der Schlacht um Stalingrad in die Heimat zurückkehrt. (...) Felix Knopp spielt diesen Traumatisierten. Aber was heißt hier schon „spielt“? Mit schier unglaublicher Intensität taucht er beim Gastspiel des Thalia Theaters Hamburg im Ludwigshafener Theater im Pfalzbau hinab in seelische Verknotungen einer gemarterten Kreatur, die von ihren Erinnerungen und Ängsten verfolgt wird. (...) Vor so viel Schmerz versagt gelegentlich sogar die Sprache. Dann schweigt Knopp und umklammert den Mikrofonständer, als wäre er das einzige Zuverlässige in dieser haltlosen Welt, oder er singt und zerhackt vielstimmig seinen Text zur heftig dröhnenden Musik der Rockband My Darkest Star.
(...) Momente sind das, die zutiefst berühren (...). Barbara Nüsse ist Knopps grandiose Partnerin. Sie und der ebenfalls wunderbare Peter Maertens teilen sich die restlichen Sprechrollen. Beiden schaut man gebannt beim Nachdenken zu und starrt erschrocken auf das alltägliche Grauen, als wäre es eine wunderliche Mischung aus souveräner Beständigkeit und ewiger Beklemmung. Wenn Beckmann seinen ehemaligen Oberst während des Abendessens überrascht, um sich von der Verantwortung für die Gefallenen freisprechen zu lassen, weil ihm die Toten über den Kopf wachsen, hat Barbara Nüsse ihren stärksten Auftritt. (...) Herrlich auch Nüsses Karikatur des Kabarett-Direktors, der Beckmann bewerbendes Vorsprechen mit den vergeblichen Versuchen begleitet, sich eine Zigarette anzuzünden. Eine tolle Slapstick-Nummer, scharf gezeichnet, untermalt von den rhetorischen Floskeln der Kulturbranche. (...)
Mannheimer Morgen

Über der Bühne fängt ein überdimensional großer Spiegel das Geschehen ein und gewährt dem Zuschauer eine extreme Perspektive auf das abgründige, gespenstische Szenario Beckmanns, der seine Seele in Luk Percevals elektrisierender Inszenierung nach außen kehrt. In Percevals „Traumtheater mit Drehbühne“ gerät Beckmanns Schrei nach Mitgefühl zum „Albtraumtheater mit Durchdrehbühne“
 Die Welt

Perceval hat sich selbst dabei übertroffen, Borcherts expressionistisches Stück zu entschlacken und atmosphärisch zu verdichten:
„Denn diesmal singt der Text selber, brüllt, flüstert, hängt auf einer Tonhöhe, zerhackt die Worte und umschmeichelt sie, er verschmilzt mit E-Gitarre, Schlagzeug und Bass, und es klingt wie eine Partitur, ein auskomponierter Protestschrei. (…) Musik ist hier jedoch nicht mehr Kommentar oder Untermalung wie früher bei Perceval, sondern die Sprache selbst.“
Frankfurter Rundschau