THEATER IM
PFALZBAU
Pfalzbau 14 Schauspiel
Schauspiel

Mutter Courage und ihre Kinder

Montag14. März14.03201619:30 UhrTickets 26 € - 14 €
Dienstag15. März15.03201611:00 UhrTickets 11 €
Mittwoch16. März16.03201619:30 UhrTickets 26 € - 14 €
Schauspiel

Mutter Courage und ihre Kinder

Anna Fierling, genannt Mutter Courage, fürchtet nichts mehr als den Ruin. Als alleinerziehende Mutter dreier Kinder hat sie es nicht leicht, schließlich geht es ums Überleben. Das gelingt paradoxerweise dort am besten, wo der Tod besonders nah ist: im Krieg, der noch immer seinen Mann ernährt. Mit einem Wagen voller Waren zieht die Courage im Dreißigjährigen Krieg den evangelischen Truppen hinterher und macht ihren Reibach. Ihr Gewissen ist rein, den Kindern ist es ja bislang nicht schlecht ergangen, und wenn man schon den Krieg nicht abschaffen kann, dann sollte er wenigstens Gewinn bringen. Anna Fierling ist stolz darauf, ihren Nachwuchs halbwegs unbeschädigt durch die lebensfeindlichen Verhältnisse an der Front gebracht zu haben. Nur die Tochter Kattrin hat was abbekommen und ist seither stumm. Auf Dauer aber geht die Rechnung nicht auf. Nacheinander kommen der Courage ihre drei Kinder abhanden, und der Handel geht den Bach herunter. Allein zieht sie schließlich den verwahrlosten Truppen hinterher und hofft noch immer aufs große Geschäft, unbelehrbar wie sie ist.

Bertolt Brecht schreibt seine Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg im dänischen und schwedischen Exil, kurz vor und nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Er ahnt, dass Europa ein ähnlicher Vernichtungsfeldzug bevorsteht, wie es im 17. Jahrhundert der dreißig Jahre währende, unvorstellbar grausame Krieg zwischen Katholiken und Reformatoren war. In Skandinavien ist 1939 von allgemeiner Mobilmachung nichts zu spüren. Wie schon im ersten Weltkrieg berufen sich die Staaten auf ihre Friedfertigkeit und Neutralität – und halten nach wie vor ihre Handelsbeziehungen zum Aggressor Deutschland aufrecht. Brechts Mutter Courage ist ein Appell an die vermeintlichen Pazifisten, sich nicht dem Weltgeschehen zu entziehen, sondern politisch Haltung zu beweisen; aktiv vorzugehen gegen einen Diktator und sein willfähriges Volk, das sich aufmacht, die Welt an den Abgrund zu treiben. Uraufgeführt wird das Stück nicht am Entstehungsort, sondern 1941 in Zürich, in der ebenfalls neutralen Schweiz. Aber da ist es längst zu spät, der Krieg ist in vollem Gange, die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten.

Mutter Courage ist mehr als ein Antikriegsdrama. Bertolt Brecht hat auch ein Stück über das unbedingte Primat der Ökonomie geschrieben, dem sich jede moralische Frage unterzuordnen hat.  Sein Krieg ist eine Metapher, er steht für eine Welt im Ausnahmezustand, in der das Gesetz des Stärkeren gilt. Die Stärkeren, das sind noch immer wir in der Festung Europa. Aber die Festung wackelt. Jahrzehntelang hat auch Deutschland Waffen in die Krisengebiete geliefert, aus denen uns jetzt die Flüchtlinge erreichen, die es lebend nach Europa schaffen. Die Waffenindustrie hat daran gut verdient und kämpft erbittert gegen jeden Versuch, die Lieferungen zu limitieren. Jahrzehntelang haben wir alle auf Kosten der Entwicklungsländer billig eingekauft. Jetzt werden wir zur Verantwortung gezogen. Wenn in Bangladesh ein Haus einstürzt, in dem über dreitausend Näherinnen  und Näher gegen einen Hungerlohn für deutsche Textilfirmen arbeiten, oder in Pakistan reihenweise junge Männer daran sterben, dass sie für uns die Jeans sandstrahlen, bewegt uns das nicht nachhaltig. Der Gang zu den Textildiscountern macht nicht mehr ganz so viel Spaß, aber er scheint uns unvermeidlich, bei diesen Preisen! Erst wenn die „Dritte Welt“ an unsere Haustür klopft, wird die Lage unangenehm. Dann ist schnell von Krise die Rede, als käme ein Schicksal über uns, gegen das wir machtlos sind – so wie die kleinen Leute in der Mutter Courage, die jede gesellschaftliche Verantwortung an die „Großen“ delegieren und die Handlungsspielräume, die auch sie sich nehmen könnten, ignorieren. 

In der Inszenierung von Tilman Gersch ist Anna Fierling eine Frau von heute, mit allen Widersprüchen der modernen Gesellschaft: Eine Kämpferin, wenn es um das Wohl ihrer Kinder geht, aber auch eine knallharte Geschäftsfrau, die Moral und Mitleid den Gesetzen der Wirtschaft unterordnet. Gespielt wird sie von Joanne Gläsel, die durch ihre Rolle als Hauptkommissarin Eva Klaussner in der Krimiserie Der Ermittler auch dem Fernsehpublikum bekannt ist und 2002 für den Publikums-Bambi nominiert wurde. Joanne Gläsel war unter anderem am Staatsschauspiel Dresden und an der Schaubühne Berlin engagiert und ist seit vier Jahren festes Ensemblemitglied am Theater Pforzheim. Und auch ein Sohn der Stadt ist dabei: Sergej Gößner aus der berühmten Ludwigshafener Ringer-Familie spielt die Rolle des Eilif. Am 9. April 2016 ist er außerdem in der Veranstaltung Wort und Wein zu erleben.

Theater Pforzheim in Koproduktion mit Pfalzbau Bühnen

Inszenierung
Tilman Gersch

Ausstattung
Andreas Auerbach

Musikalische Leitung
Frank Rosenberger

Dramaturgie
Barbara Wendland / Peter Oppermann

Mit Joanne Gläsel (Mutter Courage), Konstanze Fischer (Kattrin), Sergej Gößner (Eilif), Henning Kallweit (Schweizerkas), Jens Peter (Koch), Hanns Jörg Krumpholz (Feldprediger), Lilian Huynen (Yvette Pottier), Tobias Bode (Feldwebel), Timo Beyerling (Werber), Fredi Noël (Obrist), Antonia Schirmeister (Bäuerin); Anna-Maria Barth/Sofia Katharina Fischer (Violine), David Sasowski (Trompete), Heiko Mall (Gitarre), Samuel Bilger/René Lotz (Schlagzeug), Frank Rosenberger (Wanzenklavier/Harmonium)

Preise
26 € / 22 € / 18 € / 14 €

Dauer
2 Stunden 30 Minuten