Theatertage: ORIENTierung

24. bis 26.2.2012



"Wohin geht das alles? Zusammenbruch! Aufbruch! Wohin aber?
Drei Tage lang erfahren wir im Theater im Pfalzbau Näheres von den so ganz
ungeheuerlichen, hoffnungsträchtigen Ereignissen in Nahen Osten!
THEATER im Brennpunkt."
Hansgünther Heyme


Gläsernes Foyer
Freitag, 24.2.2012, 18.00 Uhr
Straßen der Befreiung
Stationen einer Revolution
Eine Fotodokumentation von Mayadin al-Tahrir
Eröffnung der Ausstellung
Einführung: Dr. Atef Botros, Universität Marburg
Ausstellungsdauer: 24.2. bis 27.3.
 Eintritt frei

Kuration der Fotodokumentation: Dr. Atef Botros (Marburg)
Fotos: Adel Wassily, Kairo; Ahmad Hayman, Kairo/ Kopenhagen; Atef Botros, Universität Marburg; Ayse Yildiz, Universität Marburg; Mohamad Hossam El-Din, Kairo; Mostafa Sheshtawy, Kairo; Nada Mohamed Helal, Kairo; Nadia Mounir, Kairo; Natalie Samol, Universität Marburg

Am 25. Januar gingen Zehntausende Menschen in Ägypten für Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie auf die Straße. Aus Zehntausenden wurden Hunderttausende, aus Hunderttausenden wurden mehr als eine Million. Sie haben gekämpft, um etwas zu verändern. Wir haben viele Bilder der Kämpfe gesehen, der Tränengasattacken der ägyptischen Polizei oder der „Kamelschlacht“ am 3. Februar. Aber wie sah und sieht das alltägliche Leben auf dem Tahrir-Platz und auf den Straßen Kairos aus?
Eindrücke aus den 18 Tagen der Revolution, aber auch von den Monaten danach vermittelt die Fotodokumentation von Mayadin al-Tahrir. Ägyptische Street Art (Graffiti) als künstlerische Ausdrucksform des politischen Widerstandes nach dem Umbruch steht ebenfalls im Mittelpunkt der Dokumentation.


Gläsernes Foyer
Freitag, 24.2.2012, 19.30 Uhr
Der arabische Frühling
Vortrag von Jörg Armbruster
mit anschließender Diskussion
Einheitspreis: 5 Euro

Jörg Armbruster berichtet für das ARD-Fernsehen schon seit vielen Jahren aus dem Nahen Osten; dennoch war auch er überrascht über die Wucht dieses Aufstandes, den er in Ägypten hautnah miterleben konnte und der die alte Ordnung hinweggefegt hat. Er sprach mit Organisatoren des Aufstandes, mit ehemaligen politischen Gefangenen und mit Politikern, die vielleicht die Zukunft der Region mitbestimmen werden. Er versuchte herauszubekommen, wie es nun weitergehen wird in diesen Ländern. Wie verhalten sich die alten politischen Kräfte, das Militär, die Reichen, die alten Politiker, die alle viel zu verlieren haben? Was passiert in autoritären Staaten wie Syrien und Saudi-Arabien? Und was bedeuten die Entwicklungen für Israel? Kommt nach dem bunten Frühling ein heißer Sommer? Oder gar eine Eiszeit? Kann der demokratische Aufbruch scheitern?

Längst verbreitet sich immer mehr eine Stimmung unter den die Revolution tragenden jungen Menschen, die von Skepsis, Enttäuschung und Ungeduld geprägt ist, weil sie sich fragen, was sie nun eigentlich von der Entwicklung haben.

Jörg Armbruster, einer der bekanntesten ARD-Auslandskorrespondenten und früherer Moderator des ARD-WELTSPIEGELS, wurde Zeuge der Zeitgeschichte bei seiner Berichterstattung zur Revolution in Ägypten 2011. Während einer Live-Schaltung der Tagesschau zu Armbruster wurde der Rücktritt des Präsidenten Husni Mubarak am 11. Februar bekannt gegeben. Armbruster kommentierte die plötzlich aufkommenden Jubelschreie von einem Balkon aus, während die Kamera von dort in die Menge schwenkte.

Gläsernes Foyer
Samstag, 25.2.2012, 19.00 Uhr
Im Taxi
Lesung von Chalid al-Chamissi
Anschließend Publikumsgespräch
Einheitspreis: 5 Euro

Taxifahrer erzählen aus ihrem Alltag, berichten über teure Nachhilfestunden, mit denen sich die unterbezahlten Lehrer ihr Salär aufbessern, und über die Armee als Schule des Lebens. Die Unterhaltungen kreisen um den enervierenden Kleinkrieg der Chauffeure mit den Polizisten, eine ausufernde und schikanöse Bürokratie, um korrupte Staatsbeamte und Gängelei durch die Mächtigen. Die Chauffeure äußern extremistische Gedanken  oder geben sich altersweise, man erfährt von den Lügen in den offiziellen und regierungsnahen Sendern, aber auch von unerschwinglichen Fußballtickets und fehlendem Geld für‘s Heiraten.
In seinem Buch Im Taxi hat der studierte Politologe, Autor und Journalist Chalid al-Chamissi in 58 kurzen Episoden fiktive und authentische Gespräche mit Taxifahrern in Kairo zusammengetragen. Die teils witzigen, teils bedrückenden Geschichten geben einen Einblick in das oft mühsame Leben der kleinen Leute in der ägyptischen Hauptstadt, von dem man sonst wenig erfährt. Chalid al-Chamissi bringt deren Lebensumstände in seinem ebenso unterhaltsamen wie  informativen Buch auf so eindrucksvolle und lebensnahe Weise zu Gehör, dass es nicht nur in arabischen Ländern zum Bestseller wurde. Auch von deutschen Journalisten wurde es als „Buch der Stunde“ bezeichnet und mit großem Interesse und Begeisterung gelesen.

Bei der Lesung im Rahmen der Theatertage ORIENTierung werden Episoden aus Im Taxi auf Deutsch und Arabisch gelesen. Anschließend berichtet der Autor im Gespräch von den aktuellen Ereignissen in Kairo und steht für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung.


Samstag, 25.2.2012, 21.00 Uhr
El General
Rap aus Tunesien
Einheitspreis 12 Euro, ermäßigt 7 Euro

In seinem ersten Rap, den der Tunesier El Général im Alter von 18 Jahren schrieb, stellte er die Frage ‚Malesh? (Warum?)‘, mit der er sich an das Regime seines Heimatlandes wandte, das nichts gegen Korruption, Diebstahl und Gewalt unternahm. Deutlicher noch wurde er mit dem Stück „Sidi Rais (Mr. President)“, mit dem er einen Appell an Ben Ali, den tunesischen Präsidenten, richtete. Er enthielt die Aufforderung, gegen die Korruption vorzugehen. Erst später wurde ihm klar, dass der Präsident selbst darin verstrickt war. Das große Vorbild El Générals ist der amerikanische Rapper Tupac Shakur, obwohl er starb, als El Général gerade sechs Jahre alt war. „Tupacs Rap war revolutionär. Als ich Rapper wurde, war ich nicht auf der Suche nach Liebe. Ich wollte einfach möglichst viele Menschen erreichen.“
Zum eigentlichen Protestlied und zur Hymne der arabischen Revolution und der Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo wurde jedoch „Rais Lebled“. In dem Rap, dessen Titel mit „Der Chef meines Landes“ übersetzt werden könnte, fasst El Général Dinge in Worte, die Millionen nicht zu sagen wagten: „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt“ – Worte, die später auch die Demonstranten in Ägypten, Algerien, Bahrain, Libyen und Marokko skandierten.
In allen Bereichen des täglichen Lebens sind die Auswirkungen der Korruption spürbar: Auf der Straße missachtet die Polizei die Würde der Menschen. Bei Gericht reicht es, die Richter zu bestechen, um glimpflich davon zu kommen, während die Armen im Gefängnis landen. Geschäftsinhaber werden von Immobilienhaien manipuliert, die wiederum die Interessen des Präsidenten vertreten. Besonders schmerzlich ist es aber für El Général, wenn seine nächste Umgebung darunter leidet: „Meine Eltern haben beide einen guten Job. Wir sind nicht arm, aber viele meiner Freunde haben mit Ungerechtigkeiten zu kämpfen.“
In Tunesien wurden die Konzerte El Générals verboten, er durfte seine Lieder nicht aufnehmen und für den Hörfunk ist er tabu. Doch auf soziale Netzwerke hat die Regierung keinen Zugriff und über Youtube kann er seine Musik für jedermann zugänglich machen.


So, 26.2.2012, 19.30 Uhr
No Time for Art 0 & 1
Theaterperformance
Regie: Laila Soliman
Einheitspreis 18 Euro, ermäßigt 10 Euro

Dokumentarische Performances, die auf das gewaltsame Einschreiten von Polizei und Militär im heutigen Ägypten Bezug nehmen

knock knock knock until you die…
diaries, testimonies, sounds, movements, bullets, resistance
and whatever makes a revolution


No Time for art / 0
Die interaktive Performance ist den Märtyrern der Revolution gewidmet.

No Time for art / 1
Diese Performance stellt drei Zeugenaussagen einander gegenüber, die in ihrer Brisanz  miteinander verschmelzen; durch szenische Schnitte wird die Gewalt und Ungerechtigkeit von Polizei und Militär vor und nach der Revolution in Ägypten verglichen.
Ein junger blinder Musiker, die Zeugenaussage eines Gefangenen, dem seine Schwester ihre Stimme verleiht, und ein junger Schauspieler erzählen jeweils ihre eigene Geschichte, die zu einer einzigen zusammenfließt.

Staatskunde, Lektion 1:
Wie stellt man einen richtigen Verbrecher dar?
Molotowcocktails braucht man, Messer und Bomben aus Tee auch.
Ordentlich werden diese nun von einem Soldaten vor dem jungen Mann ausgebreitet, danach wird schnell noch das Licht eingerichtet. Fertig ist die Inszenierung für den Fernsehprozess. In der Werbepause wird dann weiter gefoltert.

In No Time for Art / 1 verdichtet Laila Soliman Notizen aus Tagebüchern und persönliche Berichte zu einem eigenen Prozess. Zwischen Schock und Wut, Verzweiflung und Sarkasmus spielen sich drei Schauspieler in wechselnden Rollen durch Erlebnisse mit Polizei und Militär.
Sie ergänzen und zerteilen Handlungsfäden, die sich um die brutale Festnahme zweier willkürlich Inhaftierter spinnen: Oktober 2007 der eine, März 2011 der andere.

Minimalistisch ist die Ausstattung dieser dokumentarischen Performance; die Kraft geht von den Worten der präzise aneinander geschnittenen Zeugnisse aus. Die Dichte überfordert und berührt. Ohnmacht und Widerstand liegen in dieser Auseinandersetzung mit der prä- und postrevolutionären Brutalität nah beieinander.

Im Hintergrund flackert der Staatskanal. Gepriesen wird der Erfolg des Militärs über die „Verbrecher, welche die Öffentlichkeit terrorisiert haben”.


Jörg Armbruster berichtet für das ARD-Fernsehen schon seit vielen Jahren aus dem Nahen Osten; dennoch war auch er überrascht über die Wucht dieses Aufstandes, den er in Ägypten hautnah miterleben konnte und der die alte Ordnung hinweggefegt hat. Er sprach mit Organisatoren des Aufstandes, mit ehemaligen politischen Gefangenen und mit Politikern, die vielleicht die Zukunft der Region mitbestimmen werden. Er versuchte herauszubekommen, wie es nun weitergehen wird in diesen Ländern. Wie verhalten sich die alten politischen Kräfte, das Militär, die Reichen, die alten Politiker, die alle viel zu verlieren haben? Was passiert in autoritären Staaten wie Syrien und Saudi-Arabien? Und was bedeuten die Entwicklungen für Israel? Kommt nach dem bunten Frühling ein heißer Sommer? Oder gar eine Eiszeit? Kann der demokratische Aufbruch scheitern?Längst verbreitet sich immer mehr eine Stimmung unter den die Revolution tragenden jungen Menschen, die von Skepsis, Enttäuschung und Ungeduld geprägt ist, weil sie sich fragen, was sie nun eigentlich von der Entwicklung haben. Jörg Armbruster, einer der bekanntesten ARD-Auslandskorrespondenten und früherer Moderator des ARD-WELTSPIEGELS, wurde Zeuge der Zeitgeschichte bei seiner Berichterstattung zur Revolution in Ägypten 2011. Während einer Live-Schaltung der Tagesschau zu Armbruster wurde der Rücktritt des Präsidenten Husni Mubarak am 11. Februar bekannt gegeben. Armbruster kommentierte die plötzlich aufkommenden Jubelschreie von einem Balkon aus, während die Kamera von dort in die Menge schwenkte.


Theatertage: ORIENTierung

Kunst, auch die des Theaters, sollte seismographisch auf gravierende Ereignisse reagieren. Die Ereignisse in der uns so nahen arabischen Welt sind frappant. Was wissen wir über die Künste in dieser Welt? Könnte, müsste die Kunst des Theaters bei allem Nachdenken über deren Zukunft eine hilfreiche Rolle spielen? Welche Orientierungen über diese nahe, ferne Welt sind notwendig, um künstlerisch »zu handeln«?
Ihr Theater – das Theater im Pfalzbau zu Ludwigshafen – versucht zu reagieren.
»Das tunesische und das ägyptische Volk haben ihren arabischen Brüdern demonstriert, wie die Proteste einer Graswurzelbewegung fest verankerte Autokraten zu Fall bringen können. In Libyen jedoch müssen wir beobachten, dass sich ein Diktator an die Macht klammert und mit Gewalt gegen sein Volk vorgeht. In Bahrain könnte es zu sektiererischen Auseinandersetzungen zwischen der herrschenden Minderheit der Sunniten und der Mehrheit der Schiiten kommen. Und die Demonstrationen im Jemen könnten zu einer Abspaltung Adens und des übrigen Südjemens von der volatilen Union führen oder zum Zusammenbruch der schwachen jemenitischen Regierung. Auch die erfolgreichen Bewegungen in Ägypten und in Tunesien müssen noch zeigen, wie sie nach der Revolution eine stabile Ordnung gestalten wollen.«
Auszug aus dem Artikel »Können Muslime Demokratie?« von Eugene Rogan, Cicero, April 2011

Straßen der Befreiung - Stationen der Revolution



Jörg Armbruster



Im Taxi



El General



No Time for Art