 THEATERSAAL
 So, 11.12.2011, 19.30 Uhr [S, TG 7, WA] 
 Schmeiß dein Ego weg
 Von René Pollesch Regie: René Pollesch Bühne und Kostüme: Bert Neumann Kamera: Ute Schall mit: Margit Carstensen, Christine Groß, Martin Wuttke und einem Chor Volksbühne Berlin Preise: 33 Euro, 28 Euro, 23 Euro, 18 Euro
Mit dem Begriff der vierten Wand umschreiben Theaterleute gerne die Trennung von Bühne und Publikum, eine metaphorische Wendung über die Schwierigkeit, sich gegenseitig zu erreichen. In Rene Polleschs nach einem Song der Rockband 1 000 Robota benannten Theaterabend Schmeiß dein Ego weg ist sie buchstäblich vorhanden, die Holzvertäfelung der Wände des Volksbühne Berlin setzt sich auf der Bühne fort und versperrt die Sicht – für Zuschauer und Schauspieler.
Martin Wuttke, in schneidiger Phantasieuniform mit gewaltigen Schulterstücken, verkündet denn auch: “Wir haben vor 200 Jahren mit einer vierten Wand gespielt, aber da war sie noch nicht da.“ Vor dem staunenden Publikum zünden die Darsteller nun ein amüsantes und aberwitziges Feuerwerk an philosophischen Gedankenspielen und witzigen Dialogen. Man wird Zeuge, wie Margit Carstensen, Christine Groß und Martin Wuttke von allen Seiten die relativierte, ironisierte, konkretisierte vierte Wand umspielen, in der allmählich Durchbrüche entstehen, wie sie sich gegenseitig mit ansteckender Spielfreude die Bälle zuspielen.
In den Dialogen geht es um das Sichtbare und das Verborgene, um Entfremdung von Körper und Seele, von Realität und ihrer Darstellbarkeit, um Erfahrungen mit Liebe, Wahrheit und Lüge. Martin Wuttke spielt einen Mann, der – frei nach Woody Allens Film Der Schläfer - 200 Jahre lang tiefgekühlt war und nun in einer ihm fremden Gesellschaft zu Beginn des 23. Jahrhunderts erwacht. Der Libidomat, der Telesuperschirm und das Orgasmotron sind erfunden und man hat sich allgemein von gesunden Lebensweisen abgewandt und erkannt, dass Nikotin und Fett das Leben verlängern. Kein Wunder, dass sich der eben Erwachte nicht zurechtfindet und allein das Recht des Körpers gelten lässt. So erhält Margit Carstensen die Gelegenheit, anhand eines Geldscheines schlagend zu beweisen, dass nur innere Werte zählen und nicht das sinnliche Material. Es entwickelt sich ein köstlicher Disput, gemischt aus lauter Unvereinbarkeiten, der um Schein und Sein, Sinn und Sprache kreist und in höchst intelligente Pointen mündet.
„Reflexion als kapriziöser Blödsinn, Kokolores als tiefe Reflexion. Der Körperspieler Wuttke als raubeiniger Vertreter der Körpertheorie, die Carstensen, selbst ein Theater- und Film-Mythos, als elegante, wohlartikulierende Anwältin der Seelen-Partei. Christiane Groß als eine Art Mediatorin. Und dazu natürlich wieder ein Chor. … Man kann das alles natürlich wieder als hochbedeutend nehmen. Man kann es auch als geistreichen Boulevard konsumieren.“ Peter Hans Göpfert, Kulturradio
Rene Pollesch, Autor, Regisseur und Theaterwissenschaftler, ist ein Ausnahmetalent, ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen des Theaters. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke und war von 2001/02 - 2006/07 künstlerischer Leiter des Praters der Berliner Volksbühne, einer Art Basisstation, wo er mit seinem Team kontinuierlich neue Arbeitsformen entwickelte. Dort entstanden Produktionen wie die Prater-Trilogie in der von Bert Neumann gestalteten Wohnbühne, die 2002 zum Theatertreffen eingeladen wurde und 2004/05 die Prater-Saga. 2002 wählen ihn die Kritiker in der Umfrage von "Theater heute" zum besten deutschen Dramatiker. Pollesch erhielt 2001 und 2006 den Mülheimer Dramatikerpreis und 2007 den Wiener Nestroy Preis.
Pollesch inszeniert seine Texte regelmäßig in der Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, wo er neben Frank Castorf entscheidend das künstlerische Profil des Hauses prägt, sowie am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, den Münchner Kammerspielen, dem Wiener Burgtheater und dem Staatstheater Stuttgart. Außerdem hat er seine Texte mit Schauspiel-Ensembles in Santiago de Chile, Stockholm, Tokio und Warschau erarbeitet.
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 Foto: Thomas Aurin |

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